Heuschrecke, Hase, Erdhörnchen, Luchs und Coyote
hockten zusammen und beratschlagten. Da kam Kulle des
Wegs. Er grüßte höflich und fragte,
ob er sich ihnen zugesellen dürfe. Die Fünf
schauten einander an, nickten sich zu, lächelten
geheimnisvoll und wiesen auf einen Baum direkt vor
ihnen.
"Wir haben uns hier getroffen, weil wir jemanden
brauchen, der für uns auf diesen Baum klettert",
zirpte Heuschrecke.
"Allerdings darf nicht jeder dort hinauf!"
ergänzte Erdhörnchen.
"Nein, keineswegs jeder!" lispelte Hase und
wackelte aufgeregt mit den Ohren. "Nur der, dem
wir es erlauben."
"Nur der, der unsere Fragen zufriedenstellend beantwortet
hat", konkretisierte Luchs.
"Unsere keineswegs einfachen Fragen!" blinzelte
Coyote geheimnisvoll.
Kulle fühlte sich geschmeichelt. Natürlich
wollte er gerne für die Versammelten auf diesen
Baum klettern, und sei es nur, um ihnen zu beweisen,
daß er ihre komplizierten Fragen beantworten
konnte. Dennoch ließ ihn seine gute Erziehung
zögern.
"Warum braucht ihr einen Fremden für diese
Aufgabe?" wollte er wissen. "Jeder von euch
kann auf diesen Baum klettern, denke ich, denn er ist
sehr schief gewachsen, und auch Hase und Coyote können
auf seinem Stamm emporwandern. Und wer schwierige Fragen
stellen kann, wird auch schwierige Antworten wissen."
"Ja, das stimmt schon!" gab Luchs zu. "Ich
habe aber gerade drei kleine Kinder, die ich versorgen
muß. Und wenn ich oben auf dem Baum bin, kann
ich nicht für sie jagen."
"Ich mache lieber hier unten Musik, um eine Frau
zu finden, und verstecke mich dabei zwischen den Grashalmen",
flötete Heuschrecke. "Oben in den Bäumen
gibt es entsetzlich viele Vögel, die in mir nur
eins sehen: ein Nahrungsmittel!"
"Ich interessiere mich nicht für Bäume!"
mümmelte Hase. Erdhörnchen nickte energisch
und schloß sich seiner Meinung an.
Kulle registrierte, daß Coyote schwieg. Er sah
ihn auffordernd an, jedoch erfolgte keine Reaktion.
Also mußte er fragen: "Und warum kletterst
Du nicht auf den Baum?"
"Ich bin farbenblind", sagte Coyote.
Kulle zuckte die Schultern. Natürlich war Coyote
farbenblind. Alle Coyoten sind farbenblind, das weiß
jedes Biologiebuch. Coyote benutze offenbar eine billige
Ausrede, wie die anderen auch.
"Na schön. Keiner von Euch will auf den Baum,
also werde ich für Euch raufklettern", sagte
er.
"Halt!" Alle riefen wie aus einem Mund. "Halt!
Wir haben Dir doch gesagt, daß Du erst hinauf
darfst, nachdem Du unsere Fragen beantwortet hast!"
Kulle hatte diese Bedingung vergessen, beziehungsweise
hatte er nicht mehr an sie geglaubt, nachdem er festgestellt
hatte, daß niemand auf den Baum klettern wollte.
"Also gut! Fragt!" sagte er. Kulle war ein
geduldiger Bär.
"Bist Du Demokrat oder Republikaner?" wollte
Hase wissen.
Kulle fand, daß diese Frage indiskret war. Er
hatte nicht die geringste Lust, jemandem, den er kaum
kannte, seine innerste politische Überzeugung
zu verraten. Außerdem verriet die Frage einen
äußerst beschränkten politischen Horizont.
Er ließ sich jedoch nichts anmerken.
"Ich bin Republikaner", sagte er und entschied
sich damit entsprechend der politischen Theorie für
die weitergehende Variante, denn sie schloß immerhin
die Existenz einer Monarchie aus.
"Schade!" sagten Hase, Heuschrecke und Erdhörnchen.
"Wir haben eigentlich immer Demokraten gewählt",
sagte Heuschrecke zur Erklärung, als Kulle verwundert
guckte.
"Nicht immer!" korrigierte Hase.
"Nein, natürlich nicht immer, Aber immer dann,
wenn wir gewählt haben!" konkretisierte Erdhörnchen.
"Weil die Demokraten die besseren Sozialprogramme
haben."
Kulle hatte keine Zeit, um die Stirn zu runzeln, die
geballte Faust auf ein imaginäres Rednerpult fallen
zu lassen und seinem Publikum eine Grundsatzerklärung
über politische Partizipation zukommen zu lassen.
Er war vollauf damit beschäftigt, Luchs' nächste
Frage zu beantworten.
"Was wirst Du für mich tun, nachdem ich Dich
gewählt habe?"
"Nachdem Du mich gewählt hast, werde ich Deine
Interessen vertreten", sagte Kulle so langsam,
als ob er den Satz aus einm Schulbuch ablesen würde.
"In Deinem Fall heißt das, daß Du
so viele Tiere jagen kannst, wie Du willst. Für
den Fall, daß Dir Fleischfasern im Gebiß
hängen bleiben, die Du mit Deiner Zunge allein
nicht beseitigen kannst, werde ich einen Fonds einrichten,
aus dem Deine möglichen Kosten für einen
Zahnarzt bezahlt werden."
Luchs nickte zufrieden und machte Hase Platz. Wie Kulle
erwartet hatte, wollte auch Hase nur das eine von ihm
wissen.
"Was wirst Du für mich tun, nachdem ich Dich
gewählt habe?"
"Du sollst so viele grüne Wiesen haben, wie
Du nur willst. Ich werde alle saftigen Wiesen einzäunen
und unter Naturschutz stellen lassen, damit Du immer
genug zu mümmeln hast. Raubtiere, die Dich bedrohen,
werden erschossen; dafür wird eine Behörde
sorgen, die ich einrichten werde."
Kulle schaute sich um und wartete auf eine Reaktion,
aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen stellte
Heuschrecke ihm die Frage, die er inzwischen sehr gut
kannte.
"Für Dich werde ich ein Verbot aller Insektenvertilgungsmittel
durchsetzen. Du darfst so viel Gras und sogenannte
Nutzpflanzen und Wildkräuter fressen, wie Du möchtest."
"Danke", sagte Heuschrecke. "Ich glaube
Dir übrigens kein Wort!"
"Na endlich!" Kulle war ungemein erleichtert.
"Ich habe schon befürchtet, daß Ihr
hier alle völlig debil seid. Erstens widersprechen
sich alle meine Versprechungen, oder, um es kurz zu
machen, sie sind antagonistisch, wenn Ihr versteht,
was ich meine. Zweitens wäre es völlig hirnrissig
zu glauben, daß jemand, der auf einem Baum sitzt,
etwas verändern oder veranlassen soll. Er hat
von dort oben doch eine völlig falsche Perspektive
und sieht nicht, welche Probleme es tatsächlich
gibt. Ich bin froh, daß das dumme Spiel hiermit
vorbei ist. Jetzt solltet Ihr mir mal erzählen,
wass Ihr wirklich von mir wollt!"
"Wir möchten, daß Du für uns auf
diesen Baum kletterst!" sagte Coyote. "Ernsthaft!
Wir alle sind nämlich sehr überzeugt von
Dir. Natürlich wissen wir, daß Du deine
Versprechen nicht halten kannst. Luchs, Hase und Heuschrecke
haben entgegengesetzte Interessen, Du kannst einfach
nicht jeden zufriedenstellen. Auch wird bestimmt niemand
Lust haben, Luchs eine Krankenversicherung für
seinen Zahnarzt zu bezahlen. Das alles wissen wir.
Aber Du hast überzeugend gesagt, was eigentlich
gut für jeden von uns wäre. Vielleicht nicht
gut für uns alle. Um das herauszufinden, müßten
wir uns mal ernsthaft zusammensetzen. Das würde
bestimmt lange dauern und uns davon abhalten, zu jagen
und Musik zu machen und Gras zu fressen und was es
sonst noch für wichtige Dinge gibt. Das schaffen
wir nicht, und deshalb übertragen wir es Dir,
für unser Wohl zu sorgen, obwohl wir wissen, daß
Du es nicht kannst. Und jetzt rauf mit Dir - Du hast
keinen Gegenkandidaten!"
Coyote bleckte die Zähne, und Kulle, der sich zu
den klugen, aber nicht unbedingt zu den tapferen Bären
zählte, schlug seine Klauen in die Baumrinde und
stieg langsam am Stamm hinauf. Coyote, Hase, Heuschrecke,
Luchs und Erdhörnchen begleiteten seinen Aufstieg
mit Beifall.
"Es lebe unsere neue Regierung!" riefen sie
im Chor.
Kulle suchte sich eine bequeme Astgabel und versuchte,
es sich gemütlich zu machen und nach dieser Überraschung
erst mal erholsam zu schlafen. Über ein Programm
zu Erziehung der hiesigen Bevölkerung würde
er nachdenken, wenn er wieder wach war.
